Manchmal scheint der Alltag unaufhaltsam: To-Do-Listen, Termine, Verpflichtungen – und dann kommt ein Moment, der alles verändert. Ein Tag, an dem Arbeit zurücktritt, weil das Leben ruft. Genau so ein Tag stand mir bevor, als mein Sohn Matteo seinen Schulausflug aufs Eis plante – und mich mitnahm.
Eigentlich sollte dieser Vormittag anders laufen.
Eigentlich stand Arbeit an. Eine To-Do-Liste, die schon länger ist als mir lieb ist, liegengebliebene Projekte, Planungsdruck. Und in den letzten Wochen reiht sich ein unvorhergesehener Termin an den nächsten: Impfen, krankes Kind, Kita-Schließtag, Betreuung, die doch nicht wie geplant entlastet. Es sind die üblichen Stolpersteine, die Familienalltag zu etwas machen, das man selten vollständig steuern kann.
Aber dann…
Vor ein paar Tagen kam Matteo ganz aufgeregt aus der Schule:
„Mama, ganz wichtig. Du MUSST den Elternbrief unterschreiben. DU MUSST. Es geht gar nicht anders. Wir brauchen eine Schneehose, dicke Handschuhe und einen Helm. Den darf ich nicht ans Fahrrad machen. Auf gar keinen Fall. Sonst darf ich nicht aufs Eis. Und du MUSST mir Geld mitgeben, weil ich ja keine Schlittschuhe habe. Wer Schlittschuhe hat, braucht kein Geld. Das MUSS ich unbedingt morgen mitbringen.“
„Morgen“ war Samstag. Ich hatte also noch ein bisschen Zeit.
„Und Mama, kannst du mitkommen? Meine Lehrerin braucht ein paar Mamas zum Helfen beim Schuhe anziehen und so. Du kannst auch Fotos machen“, fügt er hinzu.
Ich dachte: Das mit den Fotos ist ein lieber Gedanke von dir. Leider ist das nicht so einfach, mein Schatz. Da muss ich erst die anderen Mamas fragen, ob ich deine Klassenkameraden fotografieren darf.
Und dann höre ich mich sagen: „Aber ich komme gerne mit dir mit und helfe euch!“
Er strahlt. Ich beiße mir auf die Lippe. Wie war das mit der To-Do-Liste und dem Nachholbedarf? Vielleicht kann ich mir etwas mitnehmen, um die Wartezeiten zu überbrücken.
Später lese ich den Elternbrief. Nach der Bitte um Mithilfe steht da: „Sie können auch gerne mit aufs Eis.“
No way!
20 Jahre nicht mehr Schlittschuh gefahren – und damals schon nicht gut. Das wird eine Lachnummer für die Kiddies! Das Spektakel „Mama on Ice“.
Ein paar Tage später stehe ich an der Bande der Eishalle und schaue dem bunten Gewusel auf der Eisfläche zu. Es gibt Kinder, die wie es scheint nie etwas anderes getan haben als Eislaufen. Wahre Naturtalente. Andere nutzen kleine Tore und Pinguine als Stütze. Nahtlos plumpst jeder mal hin. Wild und rührend.
Ein paar Mamas gleiten elegant übers Eis und helfen ihren Schützlingen bei ihren ersten Gleitversuchen.
„Mama, kommst du auch aufs Eis?“ Ich bin skeptisch. Dann kann ich ihm den Wunsch nicht abschlagen und leihe mir Schlittschuhe aus. Meine Größe ist zum Glück noch da.
Ich wage mich vorsichtig aufs Eis. Mit Schneehose, Handschuhe und – ganz wichtig – Helm. Die einzige Mama mit Helm. Mein Sohn kommt freudig angerast:
„Komm Mama, ich zeige dir, wie’s geht.“
Ich stakse ihm entgegen. Nach ein paar Schritten frage ich:
„Wie bremst man denn?“
„Das hab ich noch nicht rausgefunden, Mama. Fahr einfach gegen die Bande.“
„Und wenn es keine Bande gibt?“
„Dann machst du eine kleine Kurve. Es ist nicht schlimm, wenn du hinfällst. Die anderen Mamas fallen auch alle hin.“
Nun ja. Ich habe noch keine fallen gesehen.
Und obwohl ich felsenfest davon überzeugt war, dass ich die einzige bin, die hier jeden Moment stürzt, merkte ich schnell: Niemand schaut. Niemand lacht. Alle sind mit ihrem eigenen Gleichgewicht beschäftigt.
Nach ein paar Runden klappt es schon ganz gut. Jetzt fängt es auch an, Spaß zu machen. Ich lasse mich sogar von meinem Sohn übers Eis ziehen. Vielleicht sind manche Dinge wie Fahrrad fahren. Man kommt aus der Übung, aber verlernt sie nicht.
„Können wir das mal wieder machen?“
„Ja, Schatz, das machen wir ganz sicher mal wieder!“
„Sie sind ja doch auf dem Eis“, meint die Lehrerin überrascht.
Die Mamas auf der Tribüne feuern mich an. Eine Mama meinte sogar zu mir, sie hätte es sich nicht getraut. Meine Angst, mich zum Affen zu machen, war völlig unbegründet.
Die Kinder sahen mich nicht als „die unsichere Mama“, sondern einfach als jemanden, der sich mit ihnen einlässt. Für Matteo war es ein besonderer Moment. Zeit nur mit mir – ungeteilt, ungestört, unperfekt.
Ich hatte am Ende auch Spaß. An Fotos war nicht zu denken – aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen. (Kein Handy auf der Eisfläche) – und PC, Papierkram und Co.? Ehrlich gesagt wollte ich einfach wissen, wie sich mein Kind auf der Eisfläche macht.
Das, was bleibt
Dieser Vormittag auf dem Eis hat mir gezeigt, wie stark uns Perfektionismus im Alltag prägt – oft unbemerkt. Wir wollen funktionieren, zuverlässig sein, niemandem zur Last fallen. Wir wollen alles im Blick behalten, keine Lücke lassen, keine Schwäche zeigen.
Doch manchmal entsteht genau in den Momenten, in denen wir unsere eigenen Erwartungen einen Schritt zurücknehmen, etwas Wertvolles.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, sich trotzdem auf das Eis zu wagen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Unsicherheit bleibt, doch sie verliert an Gewicht, sobald wir sie aussprechen oder uns ihr stellen. Und Selbstvertrauen entsteht selten aus Perfektion, sondern aus Erfahrungen, die wir trotz innerer Widerstände machen.
Für mich war es eine Erinnerung daran, dass wir unsere Kinder, unsere Partner, unsere Arbeit und uns selbst nicht nur durch Planung tragen, sondern durch Präsenz. Durch Entscheidung. Durch das Zutrauen, dass es reicht, da zu sein – auch wenn wir uns unsicher fühlen, auch wenn etwas nicht perfekt läuft.
Am Ende war dieser Vormittag kein verlorener Arbeitstag.
Er war ein Gewinn.
Nicht produktiv im klassischen Sinne, aber wertvoll.
Nicht perfekt, aber echt.
Und vielleicht ist es genau das, was wir im Alltag öfter brauchen:
den Mut, die Perfektion für einen Moment loszulassen – und stattdessen einen Augenblick zu erleben, der uns trägt.
Was „Mama on Ice“ mit meiner Fotografie zu tun hat
Diese kleine Geschichte auf dem Eis zeigt, worauf es mir in meiner Arbeit wirklich ankommt: Echtheit, Nähe und die Bereitschaft, Unperfektes zuzulassen.
Genau wie auf der Eisfläche geht es bei einem Shooting nicht darum, perfekt zu funktionieren oder Erwartungen zu erfüllen, sondern darum, den Moment zu erleben – mit allen Unsicherheiten und kleinen Überraschungen.
„Mama on Ice“ erinnert daran, dass Mut und Selbstvertrauen oft dort wachsen, wo wir loslassen und uns zeigen, wie wir wirklich sind. In der Fotografie übertrage ich dieses Prinzip: Ich begleite Menschen, ohne sie zu bewerten, und halte die Augenblicke fest, die echte Verbindung sichtbar machen. Die Geschichten, die bleiben, entstehen nicht durch Inszenierung, sondern durch das gelebte Leben – ehrlich, bewegend und wahr.
Vielleicht ist es genau dieser Blick auf das Ungeglättete, der meine fotografische Arbeit prägt: der Mut, Wirklichkeit zuzulassen. Denn in diesen unperfekten Momenten entsteht Verbindung. Und oft sind sie es, die bleiben.
